
In der letzten Zeit ist viel über die Situation und die Perspektiven der Pfarrerinnen und Pfarrer nachgedacht und gesprochen worden. Was bedeutet es heute Pfarrerin oder Pfarrer zu sein? In welche Richtung wird sich der Pfarrberuf weiterentwickeln? Das Institut für Wirtschafts- und Sozialethik an der Philipps-Universität Marburg (IWS) stellt Informationen über empirische Forschungsergebnisse zum Thema sowie Anregungen, Links und Beiträge aus den unterschiedlichen Perspektiven von Theologie, Soziologie, Arbeitswissenschaft und Organisationstheorie zusammen unter www.pfarrberuf-heute.de.
Die ersten beiden in Evangelischen Landeskirchen in Deutschland durchgeführten Pfarrerinnen- und Pfarrerbefragungen (Zufriedenheitsbefragung der Pfarrerinnen- und Pfarrerbefragung in der Evangelischen Kirche von Hessen-Nassau und Leitbildbefragung der Pfarrerinnen- und Pfarrerbefragung in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck) wurden von den Pfarrerinnen- und Pfarrerauschüssen der jeweiligen Landeskirche initiiert und durchgeführt. Sie dienten somit beide vorrangig der Interessenvertretung. Die Befragung in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers integriert viele der Themen der vorhergehenden Befragungen. Schwerpunkt ist jedoch die Entwicklung der Landeskirche, der der die Pastorinnen und Pastoren aufgefordert sind kritisch Stellung zu beziehen, eigene Ideen festzuhalten und in ihren Antworten für sie wichtige oder notwendige Aufgaben und Themen festzuhalten: Die Befragungen im Überblick.
Ziel der IWS-Studie war das Selbstbild und Selbstverständnis der Pastorinnen und Pastoren der Hannoverschen Landeskirche zu untersuchen (Ist-Analyse) und mit vorhandenen Leitbild-Vorstellungen (Soll-Analyse) zu vergleichen. In einer Befragung aller Pastorinnen und Pastoren der Landeskirche wurden hierzu das Selbstbild und die Meinungen der Befragten zu den Vorstellungen innerhalb verschiedener Sollvorstellungen erhoben und Nähen sowie Distanzen zwischen den unterschiedlichen Vorstellungen aufgedeckt (Wichtigkeitsanalyse). Diese Fragen stehen in engem Zusammenhang mit dem Forschungsaspekt der empfundenen beruflichen Wirksamkeit (Wirksamkeitsanalyse) sowie dem hiermit in Zusammenhang stehenden Grad beruflicher Zufriedenheit (Zufriedenheitsanalyse). Außerdem wurden im Bezug auf laufende und anstehende Veränderungen in der Landeskirche Meinungen, Realisierbarkeitseinschätzungen und die Umsetzungsbereitschaft der Pastorenschaft erhoben. Die Ergebnisse der Befragung lassen Schlüsse auf notwendige Schritte in erster Linie für die Interessenvertretung durch den PA, aber auch für die zukünftige Ausbildung und berufliche Weiterbildung sowie für Fördermaßnahmen durch die Kirchenleitung. Außerdem legen die Daten die aktuellen Ausgangsbedingungen für Personalplanung und -entwicklung in der Landeskirche dar. Die Hannover-Befragung wurde 2005 in einem Arbeitsbuch dokumentiert. Es folgte eine weitere Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD (SI) zur Auswertung der Weiterarbeit mit den Ergebnissen dieser Befragung: Weitere Informationen und Arbeitsbuch zum Download.

Über kaum eine kirchliche Berufsgruppe wird so viel beraten, diskutiert und geforscht. Bei keiner wird aber auch so viel gemahnt, kritisiert und bemängelt. Von den Pastorinnen und Pastoren wird stets mehr Qualität in den Kernaufgaben erwartet, und obwohl wir zuweilen unser Pfarrbild mit schier übermenschlichen Erwartungen überfrachten, sind insbesondere die Methoden und Instrumente des Personalmanagements hinsichtlich der Wertschätzung und einer dichten Rückmeldekultur noch ausbaufähig. Umso wichtiger ist es, die oft nur diffusen Bilder vom Rollenverständnis dieses Berufes mit den Ergebnissen empirischer Studien zu konfrontieren.
Das Pfarramt ist dank intensiver Befragungen gerade im Bereich der EKD vermutlich einer der am besten erforschten Berufe überhaupt. Bisher gibt es vier umfassende Pfarrerinnen- und Pfarrerbefragungen im Bereich der EKD. Drei davon sind abgeschlossen und wurden bereits ausgewertet, eine aktuelle Befragung in drei norddeutschen Landeskirchen ist noch in der Auswertungsphase.
Es wurde durch das Institut für Wirtschafts- und Sozialethik (IWS) in Marburg
Interessant daran ist nicht nur die Vielzahl der Erkenntnisse, die aus den Studien gewonnen werden konnten, sondern auch, dass diese Studien in ihren jeweiligen Landeskirchen einen Diskussionsprozess um Personalführung und -entwicklung der Pfarrerinnen und Pfarrer auslösten und den Weg von der Verwaltung von pfarramtlichem Personal hin zur Führung und Entwicklung dieser Berufsgruppe und der aktiven Gestaltung des Berufsbilds „Pfarrer“ bereiteten. Während in betrieblichen Zusammenhängen Mitarbeiterbefragungen ein gängiges Instrument der Personalführung und -entwicklung darstellen, halten solche Verfahrensweisen erst in den letzten Jahren in den Landeskirchen zunehmend Einzug.
An zwei aktuellen Projekten des IWS (Stand 2010), der PfarrerInnenbefragung in den drei Nordkirchen (Joachim Kretschmar) und sowie einer Landeskirchen übergreifend angelegten Untersuchung zu Gender, Wertewandel und Pfarramt (Anke Wiedekind), lässt sich aufzeigen, dass in diesen Befragungen nicht nur die Methodik und die Messinstrumente immer weiter entwickelt wurden, sondern auch der Dialog und die Formen der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Kirchenleitung.

Informationen zu den Pastorinnen- und Pastorenbefragungen stehen auf dem Webportal www.pfarrberuf-heute.de zur Verfügung. Auf dieser Webseite können auch die Fragebögen zurückliegender Befragungen abgerufen werden sowie Informationen zu den IWS-Studien (Neue Berufsfelder für Theolog/innen; Leistung durch Besoldung?; Personalentwicklung in der Kirche?), die auf den Befragungen aufbauen.
Brandaktuell ist der neue Sammelband des Netzwerks Kirchenreform „Pfarrberuf heute“ (Sep. 2010). Neben dem vergriffene Arbeitsbuch zur Hannoverbefragung sind hier erstmals alle weiteren Studien und Auswertungen des IWS und des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD (SI) mit begleitenden Aufsätzen und Beiträgen zur aktuellen Befragungen und Forschungsprojekten zusammengestellt. Die enthaltenden Studien zeigen, dass die Pastor/innenbefragungen nicht nur einem seelsorgerlichen Selbstzweck dienen („gut, dass wir darüber gesprochen haben“). Die Bereitschaft und Mühe der beteiligten Pfarrerinnen und Pfarrer wird auch dadurch honoriert, dass die Ergebnisse zur Grundlage für konkrete Entscheidungen und landes-kirchliche Projekte werden und deren Erkenntnisse in synodale Beratungen eingehen.
| Institut für Wirtschafts- und Sozialethik an der Philipps-Universität Marburg (IWS) | www.iws-marburg.de |
| Studien und Befragungen zum Pfarrberuf | www.pfarrberuf-heute.de |
| Netzwerk Kirchenreform | www.kirchenreform.net |
| Buchreihe "Netzwerk Kirche" | www.netzwerkkirche.de |
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